Münchens mutige Wallenstein-Premiere: Theater trifft auf Krieg und Live-Kochen
Abdul FechnerMünchens mutige Wallenstein-Premiere: Theater trifft auf Krieg und Live-Kochen
Eine kühne Neuinszenierung von Schillers Wallenstein feiert Premiere in München – eine unvergessliche Verschmelzung von Theater, Politik und Live-Kochen
In München hat eine mutige Neuinterpretation von Friedrich Schillers Wallenstein Premiere gefeiert, die Theater, Politik und lebendige Kochkunst zu einem beeindruckenden Gesamterlebnis vereint. Regisseur Jan-Christoph Gockel verwandelte das klassische Drama in ein multimediales Spektakel und zog dabei frappierende Parallelen zwischen den Söldnerkriegen des 17. Jahrhunderts und modernen Konflikten wie Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Der Abend begann mit einem Vortrag des russischen Performers und dramaturgen Assistenz Sergei Okunev, der über Jewgeni Prigoschin sprach – Putins berüchtigten "Koch", der die Wagner-Gruppe anführte. Okunev verflocht Prigoschins Schicksal mit der Handlung und nutzte Humor sowie live gekochte Szenen, um Wallensteins eigenes Ende als gescheiterter Söldnerführer zu spiegeln. Während auf Leinwänden Fotos und Videos von Putin und seinem Umfeld flimmerten, filmten Kameras Schauspieler, die an einer langen Küchenzeile Mahlzeiten zubereiteten – die Bühne verwandelte sich in ein chaotisches Kriegszimmer, in dem gegessen, gestritten und intrigiert wurde.
Die Inszenierung verband investigatives Theater mit Puppenspiel, klassischer Versdichtung und sogar Publikumseinbindung. Der gelähmte Schauspieler Samuel Koch hatte einen kurzen, aber prägnanten Auftritt in Wallensteins Tod, wobei sein Körper wie eine Marionette von einer mechanischen Vorrichtung bewegt wurde. Maria Moling und Annette Paulmann übernahmen doppelte Rollen: Moling als musikalischer Warm-up-Act, Paulmann als Puppenspielerin, die Octavio Piccolomini steuerte.
Gockels Regie beschränkte sich nicht auf die Bühne. An einer Stelle verlagerte sich das Geschehen auf die Straße, wo das Ensemble den düsteren Leitspruch der Wagner-Gruppe skandierte: "Unser Geschäft ist der Tod – und das Geschäft floriert." Angesichts des jüngsten Drohnenalarms am Münchner Flughafen gewann diese Zeile eine zusätzliche, beunruhigende Aktualität. Zudem erhielten Zuschauer Texte über das Leben von Soldaten – eine Idee, die von Heiner Müller inspiriert war und die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart vertiefte.
Der Höhepunkt, Schlachtmahl in sieben Gängen, ließ Wallensteins und Prigoschins Schicksale aufeinanderprallen und verschmelzen. Mit einem Ridikulus-Zauber aus Harry Potter verwandelte Serge Angst in schwarze Komik und verglich Krieg mit Kochen – beides chaotisch, beides tödlich. Das Ergebnis war eine Inszenierung, die dringlich, experimentell und zutiefst beunruhigend wirkte.
Die Aufführung hinterließ beim Publikum eine schonungslose Reflexion über Macht, Krieg und die Wiederholungen der Geschichte. Indem Gockel Schillers Text mit aktueller politischer Kommentierung verband, zwang die Produktion zu einer Konfrontation zwischen Kunst und Gegenwart. Die Parallelen zwischen Wallensteins Untergang und Prigoschins gewaltsamem Ende hallten noch lange nach dem letzten Vorhang nach.